Tag 1:
Zum Glück geht es nur bis x: das Alphabet der City Tour vom 3. Juni 2010 – 30 Frauen aus der deutschen Immobilienwirtschaft erarbeiten sich 24 Gebäude im Financial District von London. Wir erfahren, dass Entfernungen und Flächen zwar im metrischen System berechnet werden, die Miete aber in Pfund pro Squarfeet angegeben wird, dass für die neue Londoner UBS-Zentrale zwei Gebäude abgerisssen werden (Exchange Square), dass im EC2 etwa 300 internationale Finanzinstitute sitzen, dass zwischen dem Banken- und dem Versicherungsviertel eine unsichtbare Mauer existiert (Leadenhall Street) und dass die Beschäftigten beider Branchen – zumindest bei strahlendem Sonnenschein und 20 Grad im Schatten – ihren Arbeitsplatz ab 16 Uhr in den nächsten Pub verlegen und bei Bier (Männer) und Champagner (Frauen) netzwerken.
Ich könnte mich glatt dazustellen, doch Annabelle, unsere entzückende Fremdenführerin von Savills, ist schon an der nächsten Ecke. Wir erfahren, dass die Eigentümer die Flächen schon mal sechs Jahre leer stehen lassen, um sie hoffentlich zu gewünschten Konditionen vermieten zu können, welche Anti-Aging-Maßnahmen zwischen Moorgate und Bishopsgate angesagt sind und dass das Lloyds Building (eine kleine Schwester des Centre Georges Pompidou) horrende Nebenkosten hat (weil alle Versorgungseinheiten außen angehängt sind). Und schließlich erreichen wir 30 St Mary Axe, besser bekannt als The Gherkin – die unverwechselbare Gurke, die Zigarre, das Zäpfchen von Norman Foster (& Partner). Uns ist vergönnt, was nur wenigen Sterblichen (Mitglieder eines exklusiven Clubs) vorbehalten ist: ein Besuch im 40. Stock, der obersten Etage. Ich fühle mich wie Karen Blixen im Film “Jenseits von Afrika”, als sie kurz vor ihrer Abreise als erste Frau in den Männerclub eingeladen wird. Hier bin ich wirklich an der Spitze angekommen: Champagner, Jakobsmuscheln, mit Olivenpaste gefüllte Minikartoffeln, winzige Quiche Lorraine, mit Krabben gefüllte Gurkenhäppchen und ein warmer, herzlicher Empfang vom britischen IVG-UK-Chef David Gibson. Der Tower und die Themse liegen uns zu Füßen, klare Sicht von Wimbeldon bis Wembley, von Kensington bis Canary Wharf. Ein Blick, der den Ausstoß von Endorphinen und Adrenalin anregt – ich bin euphorisch. An diesem Gefühl kann auch ein weiterer strammer Fußmarsch ins Restaurant nichts mehr ändern.
Tag 2:
Handelt es sich beim German Gymnasium um eine Turnhalle oder eine Schule? David Partridge (David Cassidy und die Partridge Family kommen mir in den Sinn) klärt uns auf: Von deutschen Eisenbahnarbeitern als Ort der körperlichen Ertüchtigung gebaut (ich frage mich, weshalb Eisenbahnbauer noch körperliche Ertüchtigung benötigen) trieben es hier sogar die Frauen: in langen Hosen an Ringen, auf Matten und am Reck. Nun gut, das eigentliche Thema ist die Megabaustelle King’s Cross – eine der größten Baustellen Europas (von der HafenCity mal ganz abgesehen).
Beeindruckende Zahlen, leider habe ich alle schon wieder vergessen. Jedenfalls ist diese Konversion eines Bahngeländes eine sehr, sehr große Baustelle. Und es ist heiß. Wir haben es mal wieder komfortabel und exklusiv: Ein klimatisierter Bus fährt die deutsch-britische Reisegruppe (inzwischen haben sich auch etwa 20 Women in Property zu uns gesellt) über den zukünftigen Pancras Square zum Cubbit Park. Das Gasholder Triplet existiert zwar nur in unserer Imagination (dank perfekter Visualisierungen) doch im sogenannten Coal Drops Yard können wir das erhoffte bunte Straßenleben zwischen den historischen Gebäuden förmlich spüren (schade, dass es noch einige Jahre dauern wird, den kühlen Drink in einem der Pubs oder Straßencafés könnte ich jetzt schon gebrauchen).
Im Marketing Room des One New Change (ich bewundere die kreative Namensfindung) gibt es einen original britischen Sandwich-Lunch. Colette O’Shea zeigt uns wie charmant die Londoner Women in Property weibliche Eleganz mit großer Kompetenz verbinden: Hohe Absätze, kurze Röcke und tiefe Dekolletés stehen für sie nicht im Widerspruch zu harten Verhandlungstaktiken, sachverständigen Erläuterungen und großer Budgetverantwortung. Und überhaupt sei das ganze Projekt One New Change von einem Frauenteam erbaut, bisher einmalig – von wegen, die kennen nicht den Marco Polo Tower in Hamburg. Bei der Führung kommen wir auch an der Adresse des One New Change vorbei: 1 New Change. New Change ist die Straße an der Seite der St. Pauls Cathredal, so originell ist der Name nun auch wieder nicht.
18 Uhr vor dem London Eye. Was ist bloß in dem silbernen Koffer unseres Begleiters? “Rot- und Weißwein!” Nö, klar, haha. 20 Meter höher die Frage: “Rot- oder Weißwein?” Er hat also nciht geflunkert. Unter dem Alkohol-verboten-Schild prosten wir über zwei Kapseln hinweg zu – geht’s uns gut!
Fußschonende Rikschafahrt vom London Eye ins Restaurant. 25 Grad im Schatten, zwei Paxe, drei Kilometer und diverse Höhenmeter – fraglich, ob ein kanadisches Holzfällerhemd die richtige Arbeitskleidung ist.
Tag 3:
“Zum Savoy bitte.” Taxifahrer: “Das ist aber geschlossen.” Würden wir sonst im City Inn Westminster wohnen?” Im Ernst: Das City Inn Westminster ist sehr zu empfehlen – aufmerksame, nette, hilfsbereite und kompetente Mitarbeiter, Apple (die Rechner, nicht das Obst) auf den Zimmern, W-LAN, große, helle, saubere, moderne Zimmer und zentral gelegen, sehr zu empfehlen. Zurück zum Savoy. Schon als Baustelle ein Hochsicherheitstrakt. Für jeden steht ein beschriftetes Paket bereit, bestehend aus einem Schuhkarton mit nagelneuen Sicherheitsboots (schick ist was anderes), einer leuchtend gelben Weste (die etwas stark von meinem grünen Kleid absticht), einem roten Helm (passend zum Nagellack) und einem Paar Gummigartenhandschuhen (schade, jetzt sieht man den Nagellack nicht mehr).
Heute arbeiten nur 400 Menschen auf der Baustelle (statt – wieviele waren es nochmal? 800?), vier davon sind für uns zuständig: einer vorweg, drei hinterher. Security. Sichern sie uns oder die teilweise eingerichtete Zimmer? Die Frauen am Bau haben heute frei, ansonsten sind sie zuständig für die Wandmalereien. Ob die Aufgabenverteilung etwas mit dem Besitzer zu tun hat? Prinz Al-Waleed bin Talal ist mit einem Vermögen von 13,3 Mrd. Dollar übrigens auf Platz 22 der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt und reichster Araber. Seine Beteiligungen unter anderem: Walt Disney, McDonald’s, WorldCom, Procter & Gamble, priceline.com, amazon.com, eBay, News Corporation, Apple (ach guck). Da macht sich die Verdoppelung der Kosten von 100 Millionen Pfund (etwa 120 Millionen Euro) auf 200 Millionen Pfund aus wie Peanuts. Und ein Aufenthalt in der Suite für 8.000 Pfund pro Nacht (wir wissen nicht ob mit oder ohne Frühstück) ist sicher auch noch drin, dann wandert das Geld wenigstens nur von der rechten in die linke Tasche. Würden wir die Suite mit Schlafsäcken und Isomatten bevölkern, müsste sich jede mit 266,66 Pfund pro Nacht an den Kosten beteiligen. Die Junior-Suiten für 1.500 Pfund die Nacht schlüge dagegen nur mit 50 Pfund pro Person zur Buche, allerdings dürfte es hier dann etwas eng werden, außerdem sind sie bereits bis zum Frühjahr 2012 ausgebucht. Das die Wände in den Fluren mit Rinderleder bezogen sind, will ich einfach nicht glauben – vegetarians nightmare. (Minou Tikrani)




Country meets Urban. Ja, ich weiß, Hamburg ist eine Welt!Stadt und wird immer wichtiger, nicht nur im Norden Deutschlands! (Achtung, Berlin, wir kommen …!!!!!)
Was hat Hamburg London voraus? Richtig! Den Hafen. Hamburg hat nicht geschlafen als es darum ging, sich auf eine neue Situation (Container-Terminals) einzustellen. Immerhin hatte London einmal den größten Hafen der Welt. Er ist praktisch bedeutungslos geworden, hat aber vielleicht gerade deshalb diesen unvergleichbaren Charme. Ähnlich wie ganz alte Menschen. Die, die mal an der Macht waren. Damals. Wirtschaftlich, politisch. Egal. Man spürt, das da mal was war.
Ansonsten kommt man sich als Hamburger in London eher winzig vor. Minou, Du hast es sehr schön beschrieben, ohne dass Neid aufkommt. Und jetzt möchte ich sofort wieder dahin, nach London. Die große weite Welt einatmen um dann davon zu träumen, das Hamburg auch so sein könnte. Aber nicht muss. Denn Hamburg ist schön. Nur anders schön.
Kommentar von Mike Neschki — 8. Juni 2010 @ 3:44 pm |
Geht doch noch…
Liebe Minou, amüsant und informativ ist der Bericht.
Aber warum bist Du denn mit dabei gewesen (oder habe ich das überlesen?)
Grüße von Deiner alten Freudin Birgit
Kommentar von Birgit von Heintze — 8. Juni 2010 @ 5:00 pm |
Liebe Birgit,
Du hast völlig recht, es war mir so selbstverständlich, dass ich es völlig vergessen habe zu erwähnen: Die Immo-Frauen sind ein Netzwerk von Frauen in der Immobilienwirtschaft zu denen ich als Beraterin für Real Estate Communications bzw. Immobilien-PR gehöre. Wir machen jedes Jahre eine internationale Exkursion und besuchen die Damen der jeweiligen Landesvereinigungen (es gibt in vielen Ländern ähnliche Vereine, in Großbritannien heißen sie Women in Property). In den vergangenen zwei Jahren waren wir in Brüssel und Paris, im kommenden Jahr geht es nach Wien.
Kommentar von Konstruktiv PR GmbH — 11. Juni 2010 @ 11:28 am |
Vielen Dank für die virtuellen Impressionen. Die Stimmung ist so schön beschrieben, ich kann die Wärme und den roten Helm auf dem Kopf richtig spüren …, fast so als wäre ich dabei gewesen. Herzlichen Gruß an alle.
Kommentar von Andrea Schneble — 9. Juni 2010 @ 8:29 am |
Liebe Minou,
vielen Dank für die wunderbare Zusammenfassung unserer London Exkursion. Es waren wirklich spannende Tage! Ich freue mich schon auf die nächste Entdeckungsreise mit den Immo-Ladies.
Viele Grüße aus Köln
Antje
Kommentar von Antje Bonnewitz — 9. Juni 2010 @ 8:52 am |